Religionsausübung in der Öffentlichkeit?
deutsch English français

 

 

 

 

 

 

 

Rom im Jahre 1950

 

Um dem Thema gerecht zu werden, möchte ich zunächst die Begriffe "Religionsausübung" und "Werbung für Religion" voneinander differenzieren.

Jede Art von Werbung - natürlich auch die "Werbung für Religion" - muß öffentlich erfolgen, wenn sie ihren gewünschten Erfolg erzielen will. Das ist unvermeidlich und muß selbstverständlich auch religiösen Menschen und Organisationen zugestanden werden, in so fern die Werbung nicht den Regeln des unlauteren Wettbewerbs widerspricht (z. B. Telefonwerbung, oder auch Glockengeläute, Muezzinrufe, öffentliche angebrachte Kruzifixe etc.).

Die "Religionsausübung" gehört jedoch, wenn sie sich nicht in der Inszenierung stumpfsinniger religiöser Rituale erschöpfen will, sondern ernst gemeint ist, zur Privatsphäre, ja zur Intimsphäre des Menschen. In diesem Fall würde die Öffentlichkeit das vertraute Gespräch eines Gläubigen mit seinem "Gott" eher stören.

Nun sind die Übergänge von der "Werbung für die Religion" zur "Religionsausübung" jedoch fließend. Man wird trefflich darüber streiten können, ob die Prozession auf dem obigen Foto eher der Werbung für Religion oder der Religionsausübung zuzurechnen ist. Sicherlich vermittelt dieser Prozessionsumzug vielen Gläubigen ein beglückendes Gemeinschaftsgefühl mit Gleichgesinnten, während aber andere nur gesellschaftlich vorgegebenen Ritualen folgen.

Eine echte religiöse Befriedigung kann ein religiöser Mensch aber nur in einem sehr intimen Kontakt zu seinem "Gott" finden, da wäre die Öffentlichkeit eher hinderlich. Eine glaubwürdige Religionsausübung würde daher auf die Öffentlichkeit verzichten.

Nun ist es aber schon seit langem nicht nur in unserem Lande Mode geworden, seine Intimitäten, selbst die schlimmsten Schmuddelgeschichten, in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Frage ist, ob und auf welche Weise die Öffentlichkeit vor solchen Outings geschützt werden muß.

Die Öffentlichkeit muß nicht geschützt werden, solange sie die Möglichkeit hat, derartige Äußerungen zu ignorieren. Schließlich muß niemand Talkshows anschauen oder irgendwelche Revolverblätter lesen. Anders sieht es aber aus, wenn zum Beispiel Moslems auf dem Marktplatz vin Mönchengladbach Eicken beten, wie es im September 2010 geschehen ist, um jetzt einmal ein konkretes Beispiel zu nennen. Ist das noch mit der Religionsfreiheit vereinbar?

Es ist verboten, in der Öffentlichkeit zu urinieren, obgleich das Urinieren eine völlig normale und absolut unvermeidbare menschliche Lebensäusserung ist.

Ein Mann wurde einmal wegen Beleidigung verurteilt, weil er mehrfach der Briefträgerin splitternackt seine Wohnungstür geöffnet hatte. Der unbekleidete menschliche Körper - etwas Natürliches gibt es nicht - kann also juristisch den Tatbestand einer Beleidigung erfüllen. Ein Fernfahrer wurde mit 200,-- EUR Geldbuße belegt, weil er im Wald bei Bottrop Kirchhellen nackend ein Sonnenbad genommen hatte.

Was will ich mit diesen Vergleichen sagen? Es gibt, zumindest in unserem Kulturkreis, gesellschaftliche Regeln und Normen, die selbst die natürlichsten Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit tabuisieren und in die Privatsphäre verweisen. Das gilt auch dann, wenn sich diese Belästigungen auf den rein optimischen Bereich beschränken.

Nun nimmt es nicht Wunder, das es auch Menschen gibt, die sich durch die Religionsausübung anderer belästigt fühlen. Hier soll jetzt nicht die Regel von religiöser, mit missionarischem Eifer betriebener Werbung sein, sondern von echter Religionsausübung. Was aber könnte einem nach echter religiöser Befriedigung strebenden Menschen reizen, seine Religion in der Öffentlichkeit auszuleben, selbst wenn er das auch problemlos und wahrscheinlich auch besser in seiner Kirche / Moschee / Synagoge / Tempel etc. tun könnte? Er will damit ein Besitzdenken ausdrücken, hier bete ich, hier habe ich die Macht, in etwa vergleichbar mit dem Urinzeichen, mit denen Löwen ihr Revier markieren.

Die entprivatisierte Religionsausübung muß daher als aggressiver Akt gegenüber der andersgläubigen und säkularen Gesellschaft interpretiert werden. Daher kann sie nicht toleriert werden, da sie die Grundsätze der Religionsfreiheit verletzt. Die Frage ist, ob man dagegen nun mit strafrechtlichen oder ordnungsrechtlichen Mitteln vorgehen sollte. Da das Grundgesetz auch die negative Religionsfreiheit schützt, wäre die Einführung solcher Vorschriften möglich.

Nun, wie dem auch sei, Gesetze können keine gesellschaftliche Auseinandersetzung ersetzen, wir haben ohnehin schon mehr als genug Reglementierungen. Außerdem würden dann die Delinquenten vom Mitleidseffekt profitieren, ich denke, es wäre besser, sie mit Verachtung zu bestrafen.